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Ata Kando (1913)
Grenzen
Die Jahrestage der Revolution von 1956 bieten die Gelegenheit, Werke von Künstlern zu präsentieren, die das Geschehen vor 50 Jahren
dokumentieren. Ihre persönlichen Lebenswege wiederum erlauben es uns, die Ereignisse aus einer neuen Perspektive kennen zu lernen und
neu über sie nachzudenken.
Die Fotografinnen Ata Kandó aus Ungarn und Violette Cornelius aus den Niederlanden sind bei der Nachricht von der Niederschlagung
der 1956er Revolution sofort in Richtung Österreich aufgebrochen. Sie haben in den grenznahen Kleinstädten in der Nähe von Wien die
ungarischen Flüchtlinge – in erster Linie Kinder – fotografiert.
Bereits Weihnachten 1956 erschien das Album, die Künstlerinnen haben den gesamten Gewinn für die ungarischen Flüchtlingskinder
gespendet. Das berühmte titellose „ROTE BUCH” – benannt nach der Farbe des Umschlags – war in kürzester Zeit ausverkauft und die
damals riesige Summe von einer Viertelmillion Dollar erreichte so die Bedürftigen.
Ata Kandó wurde in Ungarn unter den Namen Etelka Görög geboren. Da sie ihren Namen nicht aussprechen konnte, ließ sie sich Ata
nennen. Dank der liberalen Erziehungsmethoden ihrer Mutter konnte sie den Namen bis heute behalten. Kandó ist der Name ihres ersten
Mannes.
Ihre Persönlichkeit wurde stark von ihrem familiären Hintergrund geprägt, von der unglaublichen Offenheit ihrer Eltern, von deren
Vitalität und Intellekt. Ihr Vater, der Gymnasiallehrer Imre Görörg, hat klassische russische Literatur übersetzt, Ihre Mutter Margit
Beke hat große Verdienste in der Übertragung skandinavischer Literatur ins Ungarische erworben.
Ata Kandó hat in vielen Ländern gelebt, jahrelang in Frankreich, Holland, Amerika und Großbritannien. Zurzeit wohnt sie in Bergen
in der Nähe von Amsterdam.
Sie hat bei Klara Wacter Fotografie studiert, so kam sie in Kontakt mit weltbekannten Künstlern ihrer Zeit: mit Mariann Reismann,
Ferenc Haár, József Pécsi und später auch mit Robert Capa.
Gleich, ob sie in Ungarn, Frankreich, Holland oder wo auch immer auf der Welt lebte, ob sie das Ende der Revolution von 1956
fotografierte oder in Süd-Amerika die Piaroa-Indianer, ob sie als Modefotografin oder als Lehrerin arbeitete oder an der Akademie
lehrte – sie hat immer die Einfachheit und die Reinheit menschlicher Gefühle aufgezeigt.
Ihre gefundene Freiheit und die ihr innewohnende Liebe gepaart mit Offenheit und Neugier haben ihr erlaubt, an allen Breitengraden
das fortzusetzen, was sie anderswo angefangen hat.
Die Originale der hier ausgestellten Digitaldrucke sind in Besitz von Ata Kandó und des Magyar Fotográfiai Múzeum, des Ungarischen
Fotografischen Museums.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie stehen inmitten einer Ausstellung einer ungarischen Fotografin, Ata Kando, welche im Jahre 1956 Menschen an der Grenze zu Österreich / Ungarn potraitiert hat.
Es sind Flüchtlinge aus Ungarn, welche Ihr Land, ihre Heimat verlassen haben.
Ata Kando, zu dieser Zeit 43 Jahre alt, Mutter von drei Kindern, lebt in Paris. Sie hat Ungarn 1932 mit 19 Jahren verlassen, ist mit Ihrem Mann nach Paris gezogen. Durch die Okkupation der Deutschen floh Sie aus Paris und ging nach Budapest zurück um dann 1947 wieder nach Paris zu gehen. Sie arbeitet dort bei der berühmten Fotografenagentur Magnum, deren Mitbegründer Robert Capa war, ein Ungar und einer der bedeutensten Reportage Fotografen jener Zeit.
Sie lernt Ed van der Elsken, einen Fotografen kennen, heiratet Ihn und geht mit Ihm nach Holland.
Nach der Zerschlagung des Volksaufstandes 1956 in Ungarn, beschließt Sie spontan mit einer Freundin, der Fotografin Violette Cornelius, an die österreichisch ungarische Grenze zu fahren um dort zu fotografieren. Beide fotografieren dort die ankommenden Flüchtlinge, darunter sehr viele junge Menschen und Kinder.
Nach Ihrer Rückkehr nach Paris beschließt Sie aus dem fotografierten Material ein Buch zu machen. Ed van der Elsken gestaltet dieses Buch. Es heißt: Rode Boekje zon der Naam. Das rote Buch ohne Titel.
Das Erscheinen dieses Buches hat eine große Resonanz, es trägt dazu bei dass eine Hilfsaktion gestartet wird. Es wurden 250.000 $ für die Flüchtlinge gesammelt.
Dies ist in kurzen Worten, was man über den faktischen Hintergrund dieser Bilder weiss.
Was mich nun als Betrachter interressiert, ist, wie berühren mich diese Bilder, was lösen sie in mir aus.
Es gibt nun 2 Möglichkeiten diese Bilder zu sehen und zu erleben.
a) Sie sind ein Dokument dieser Zeit 1956. Sie zeigen die Situation vieler Flüchtlinge, sie sind wichtig, weil sie Dokumente eines kollektiven Bildgedächtnisses sind. Wir werden mit dem Wissen über das Jahr 1956 in Ungarn, diese Bilder in Erinnerung behalten. Geschichte hat dadurch eine Bildvorstellung bekommen.
b) Sie sind eine persönliche Ausdrucksform einer Frau, welche Ihre Trauer und eigene Erfahrung der verlorenen Heimat in diese Bilder mit hineinbringt. Sie ist Autorin im Sinne der Erzählung und des Dokuments.
Zum ersten Punkt: wir alle brauchen Bilder als Dokument. Die Kinder aufgenommen am ersten Schultag, das erste Motorrad und das erste Wochenende alleine mit der Freundin am Meer. Sie dokumentieren ein bedeutendes Ereignis. Ich kann diese Bilder nehmen und diese allen zeigen. Schaut her: dies ist unser Urlaub in den Bergen. Felix hat sich den Arm verstaucht und durfte dafür beim Bauer auf den Trecker mitfahren.
Als professioneller Fotograf versuche ich nun das Ereignis so zu strukturieren und zu gestalten, dass das Bild dann eine Klarheit über Ort, Hergang und die Personen gibt. Ich kann erkennen was, wann, wo geschehen ist.
Unter diesen Bildern gibt es welche, diese haben einen besonderen Wert. Sie besitzen einen hohen metaphorischen und inhaltlichen Wert, ja sie werden unter Umständen zu Symbolen.
Das Bild des schreienden nackten Kindes mit ausgestreckten Armen auf einer Landstrasse in Vietnam welches auf mich zuläuft, ist so ein Bild.
Der Kniefall Willy Brandts in Polen vor einem Denkmal ist auch so eins für uns Deutsche.
Diese Bilder haben sich so in unser Gedächtnis gebrannt, dass wir diese nicht nur mit ihr enthaltenen Information verbinden, sondern sogar eine ganze Epoche, eine ganze Periode oder die ganze Hilflosikeit und Trauer einer ganzen Generation damit verbunden scheint.
Ata Kando hat dies nicht gemacht. Ihre Bilder zeigen nichts spektakuläres, sie zeigen nichts hektisches, sie zeigen nicht die unmittelbare Gefahr, aber man spürt diese.
Ata Kando tut das was Sie in der Situation am Besten kann. Sie beobachtet und ist mitfühlend. Sie geht aber über dieses Mitgefühl hinaus. Sie trägt etwas in die Bilder was Sie selber in sich hat.
Das Gefühl der Heimatlosigkeit, der Rastlosigkeit, der Angst Identität zu verlieren. Immer unterwegs sein zu müssen, nicht weil ich es will sondern weil ich dazu gezwungen werde.
Keiner könnte diese Geschichte der Flüchtlinge besser erzählen als Sie in dem Moment. Alles ist da, die Flucht, Einsamkeit, verlorene Kindheit und dann jene Betroffenheit die sich auf alles legt.
Diese Portraits, welche Sie dort gemacht hat sind der Spiegel Ihrer eigenen Verfassung.
Du kannst als Fotograf entweder die Ereignisse in Form einer Reportage oder eines Essays dokumentieren, aber du kannst dich auch selber fragen warum du das machst und dich selbst für ein Thema entscheiden.
Du wirst zu einem Autor.
Wichtig ist, in dieser Betrachtung dass sie selbst diese Thema gewählt hat. Kein Auftrag einer Zeitschrift hat sie bewogen dies zu tun. Es war Ihre eigene Entscheidung.
Was mich an diesen Bildern so fasziniert, ist genau diese Tatsache, dass ich dieses Wurzellose in den Bildern sehe.
Damit hat Sie für mich die schönste Form des Erzählens in der Fotografie erreicht, eine hohe Ausdruckskraft zu haben, für mich eine hohe künstlerische Qualität.
Um jetzt auf Sie als Betrachter zu kommen. Auch Sie nehmen Ihre Vorstellung von den Dingen mit in diese Bilder. Das Gesicht eines Mädchens, dass sie sehen strahlt für Sie Unsicherheit oder Angst aus. Die Haltung der Hände, der Blick der ins Leere geht werden Sie anders interpretieren als ich. Was uns dabei alle verbinded ist die Tatsache, dass wir schon Bilder in uns haben, welche wir in diese Bilder mit hineinnehmen. Wir interpretieren die Bilder durch Bilder.
Sehe ich mir heute Bilder von Ereignissen oder Dokumente von Geschehnissen an, fehlt mir genau dieser Punkt. Es fehlt mir die Ausdruckfähigkeit der Fotografen, was ich allerdings bekomme, sind höchst eindrückliche Bilder, welche mir suggerieren, dass wäre nun Schmerz, das wäre Trauer und das Freude.
Ein Beispiel:
Sie schauen Fernsehen.
Beobachten Sie bitte den Torschützen im Fußball nach einem Tor.
Er verrenkt sich, schmeißt sich ins Gras, sägt mit seine Händen nicht vorhandene Bäume, brüllt seine Faust an, küsst seinen Ehering und zeigt auf seine grün gefärbten Haare.
Er tut dies nicht weil er sich freut, sondern deshalb, weil er weiss dass das Bild im Fernsehen oder das Foto im Magazin IHN medial am Besten präsentiert. Es sind niemals die Gesten der Freude sondern es sind Zeichen welche Freude in einem medialen Zeitalter ausdrücken sollen. Also es sind Eindrücke ohne jegliche Ausdrucksform.
Gehen Sie bitte am Wochende zu einem Fußballspiel in die dritte und vierte Liga. Es fällt ein Tor, man freut sich mit den Kollegen, drückt sich, die Arme sind zur Umarmung bereit und dann geht man zum Mittelpunkt und spielt weiter. Basta.
Alleine die Tatsache, dass die Medien nicht anwesend sind und man die Freude nicht eindrücklich spielen muss, versetzt mich in die Situation meiner Freude einen hohen Ausdruck zu geben.
Ata Kando hat in der Zeit etwas geschafft, was nur wenige Fotografen schaffen.
Sie hat der Trauer und dem Schmerz ein Bild gegeben, sie hat ihr einen Ausdruck verliehen. Welcher Schmerz das ist, beurteilen Sie als Betrachter alleine.
Sie hat es außerdem geschafft eine zutiefst traumatisierte Gesellschaft in Europa zu bewegen Geld zu schenken, in einer Zeit wo man selbst keines hatte aber die Erfahrung von Flucht und Einsamkeit selber gemacht hatte.
Ich hoffe, Ihnen allen werden die Bilder von Ata Kando in Erinnerung bleiben als eine Erzählung einer Frau, welche ein Ereignis fotografiert hat, gesehen durch Ihre Subjektivität.
Ata Kando steht da in einer Reihe einer großen Zahl von ungarischen Fotografen, welche engagiert in die Welt gegangen sind um sich ein Bild von dieser Welt zu machen.
Sehe ich mir die Bilder von Kertesz, Capa, Brassai, Munkaszi an, so ist vieles erzählt von dem Verlust und dieser für mich oft nicht nachvollziehbaren Traurigkeit.
Ich hoffe sehr, dass all diese Bilder bewahrt werden, einerseits physisch als ein Archiv und emotional im Herzen der Ungarn. Es sind bedeutende Dokumente und ein persönlicher Ausdruck einer Protagonisten Ihrer Zeit.
Diese Bilder von Ata Kando können Ihnen genau soviel über die Person Ata Kando erzählen wie sie in gleichem Masse etwas über die Ereignisse jener Zeit erzählen. Es sind Dokumente einer zutiefst verunsicherten Zeit.
Ich wünsche Ihnen viel Freude in der Betrachtung dieser Bilder.
Vielen Dank.
Jörn Vanhöfen (Fotograf)
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